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Pressemitteilung vom 25. Mai 2009:
Pressemitteilung vom 18. Oktober 2010


DER AUFSTAND DER TITELLOSEN

Neues aus dem Großgrundbesitz des Stifts Klosterneuburg

Robert Sommer - Augustin 06/2009

Fernab von solcherlei theologischen Fragestellungen waltet Andreas Leiss seines Amtes. Als starker Mann Klosterneuburger Chorherren – er ist zugleich Leiter der Rechtsabteilung des Stiftes und Verwalter seiner Liegenschaften – stellt er die verkörperte Gegen die Augustiner Chorherren zieht sogar Gott den Kürzeren, sagt Gerd Teply. Der Charme der Resignation liegt in diesem Sager aus dem Mund des eben neu gewählten Obmanns des „Pächtervereins Langenzersdorf“, dem 600 der rund 1000 PächterInnen von Chorherren-Grund angehören. Ihre gemeinsame Wahrnehmung: Der Grundeigentümer, das Stift Klosterneuburg, streicht die letzten Reste klösterlicher Barmherzigkeit aus dem Konzept seiner Liegenschaftsverwaltung. Was JuristInnen – in Anbetracht der Reputation des Verpächters – nur hinter vorgehaltener Hand so bezeichnen, sprechen die Häuslbauer offen aus: Das Stift agiere wider alle Sitten.
Von Resignation ist die Versammlung der PächterInnen am 4. Juni im Gemeindesaal dann doch nicht geprägt. „Ich bin eine Kämpferin“, stellt sich Elisabeth Weidenthaler, die Obmannstellvertreterin des Pächtervereins vor. Sie zeichnet für den beeindruckend brauchbaren Internet-Auftritt der rebellierenden HäuslbauerInnen verantwortlich. Nach der Demo in der Seeschlacht (Naherholungsgebiet mit Badesee, auch für WienerInnen rasch erreichbar) Ende April 2009 ist die Vollversammlung das zweite Signal an die Adresse der Stiftsherren: Postfeudalistische Untertanenbetreuung wird auch der Kirche nicht mehr gestattet. Oder, aus der Perspektive eines katholischen Betroffenen (in einem Schreiben an Kardinal Schönborn): „Wir sind nicht die misera plebs der Kirche, sondern wir alle sind die Kirche.“

Negation der Gründungsideologie der Augustiner Chorherren dar, die im 12. Jahrhundert das christianisierte Gebiet mit Experimenten des Urkommunismus überziehen wollten. Dem Management wirft der Pächterverein Folgendes vor:

Erstens fordert das Stift plötzlich – bei Weitergabe der Eigenheime an Erben oder Neupächter – das Vierfache der aktuellen Pacht. Das macht eine Weitergabe unmöglich: Ein Haus mit diesen Kosten ist unattraktiv.

Zweitens: Nach dem Tod eines Ehepartners verlangt das Stift die Unterfertigung eines „Pachtvertrags neu“. Er sieht eine Befristung auf zehn Jahre vor. Die bestehenden Pachtverhältnisse, die das Stift aufkündigt, galten als unbefristet.

Drittens hat eine Nichtunterzeichnung dieses neuen Pachtvertrags zur Folge, dass das Stift von einem vertragslosen Zustand ausgeht, den es „titellose Nutzung“ nennt. Etwaige Abriss-Kosten hätten die Pächter zu tragen, wie Betroffene auf der Versammlung berichteten.

Viertens hatten viele Häuslbauer den Pachtvertrag nur abgeschlossen, weil es seitens des Stiftes die mündliche Zusage gab, dass die von den Pächtern errichteten Häuser nach einer bestimmten Zeit in das Eigentum der Häuslbauer übergehen könnten.

Die Geschenke des Staates
Ob und wie „sittenwidrig“ diese von der sozialen Orientierung auf die Profit-Orientierung hinübergewechselte chorherrliche Liegenschaftspolitik ist, mögen juristische ExpertInnen klären. Ohne historischen Exkurs kann die Antwort nur unvollständig sein. Die Umstände der Bereicherung des Stiftes Klosterneuburg mit Großgrundbesitz seit dem 12. Jahrhundert können – wie üblich – in die heroische Siegergeschichte der Babenberger eingearbeitet oder aber als Kriminalgeschichte verdeutlicht werden. Die Wiener und niederösterreichischen Gründe an der Donau, die seit 800 Jahren im Besitz des Stiftes Klosterneuburg sind, waren lange Zeit die billigsten: eine Wildnis entlang des breit mäandrierenden Stromes. Zwei Maßnahmen des Staates machten sie zur Goldgrube: die Donauregulierung (zuletzt durch die Errichtung der „Neuen Donau“) war der erste, die Baulandwidmung der zweite Schub der Aufwertung von Wertlosem, einer Umverteilung von der öffentlichen in kirchliche Hand. Das Stift revanchierte sich, indem sie das Neuland zu in der Tat „christlichen“ Preisen verpachtete, nämlich weit unter den Marktpreisen, um zu einer sozialen Lösung des Wohnungsproblems beizutragen.

Dieser kleine Ausgleich begann schon im 18. Jahrhundert – und erklärt, warum Wiens drittgrößter Bezirk, ausgerechnet der mythendichteste der österreichischen Arbeiterbewegung, nach dem Mann benannt ist, der von 1782 bis 1799 Propst des Stiftes Klosterneuburg war: Hinter Floridsdorf steht Floridus Leeb. Die Bewohner der Siedlung „am Spitz“ ehrten Leeb, weil er ihnen nach einer verheerenden Überschwemmung stiftseigene Baugründe auf Jahre ohne Pachtschilling überlassen hatte. So konnten sie sich an den Wiederaufbau machen. „Grundbesitz bildet bis heute eine wichtige wirtschaftliche Grundlage des Stiftes und macht es zugleich möglich, soziale Aufgaben zu erfüllen“, liest man in einer Chorherren-PR-Passage.

Ein Bernhardsdorf wird es in aller Zukunft nicht geben, auch wenn die aktuelle geistliche Macht des Ordens, Bernhard Backovsky, sehr sozial eingestellt ist, wie man aus „Krone“ und dem ORF gelegentlich erfährt. Backovsky ist seit 1995 Probst des Stiftes Klosterneuburg, seit 2002 darüber hinaus General-Abt der Österreichischen Chorherrenkongregation. Laut einer Website der Erzdiözese hat er sich für das Sozialprojekt „Ein Zuhause für Straßenkinder“ stark gemacht: Sein Stift finanziert den Einsatz von Pater Georg Sporschill in Rumänien. So einer könne doch nichts Böses tun, haben viele in Langenzersdorf (dessen Gemeindeterritorium zu einem Drittel dem Stift gehört) fest angenommen, auch wenn sie bloß Taufscheinkatholiken waren. Ist nicht vielmehr böse, wer einwende, verglichen mit den Gewinnen aus einem der größten Grundbesitzungen und einer der größten Weinproduktionen sei die Straßenkinderunterstützung nicht eben ein karitativer Rekord?

„Gegen die Chorherren da drüben“ – Langenzersdorf liegt am linken, das Stift am rechten Donauufer – ziehe selbst Gott den Kürzeren, meint also der Sprecher des Pächteraufstands. Auch wenn eine augenzwinkernde Kritik am Rande der Pächterversammlung einwendet, mehr als Gott fürchte das Stiftsmanagement die Powerfrau Liesl Weidenthaler vom Pächtervereinsvorstand, ist das Herrschafts-Know-how des Wirtschaftsmächtigen des Stiftes Klosterneuburg nicht zu unterschätzen. Ausgerechnet ein Theologe, Kardinal Nikolaus von Kues, hat uns im 15. Jahrhundert in seinem Werk „De visione Die“ die Methode gegeben, zu untersuchen, wer den Kürzeren zieht. Das Kriterium ist die Fähigkeit, alles zu sehen und gleichzeitig jeden einzelnen Menschen, und das Hilfsmittel, um sich das vorstellen zu können, ist die Porträtmalerei vom Typus des seinen Betrachtern folgenden Blickes. Der Blick des Porträtierten – sagen wir, es handle sich um Jesus – ist statisch, aber jeder Betrachter, wie immer er sich vor dem Bild bewegt, wähnt sich in der Situation des von der porträtierten Figur Auserwählten. Gott erzeugt nach Nikolaus bloß die Illusion, er blicke jeden Einzelnen an, während der Ordensmanager Andreas Leiss sich realiter gleichzeitig dem Großen und Ganzen und andererseits jedem Einzelnen zuzuwenden vermag. Mit dieser Doppelbegabung verfügt er über Herrschaftstechnik erster Klasse. Zum Unterschied von Gott kann Andreas Leiss beweisen, dass er alles und gleichzeitig jeden Einzelnen sieht. Das Große und Ganze ist der Großgrundbesitz des Augustiner-Chorherren-Stiftes – einer der ertrags- und flächengrößten in Österreich. Der Einzelne ist der aktuelle Nutzer dieses christlichen Grundes, in unserem Fall die Langenzersdorfer Pächterin.

Ein Surrealist am Schreibtisch der Macht?
Nennen wie sie Brigitte Enzersdorfer; ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt. In ihrer Unsicherheit über die Vertragslage hat sie einen Brief an die Verwaltung geschrieben. Andreas Leiss muss ein Liebhaber der konkreten Poesie sein, bemerkte ein journalistischer Kollege, der sich in Sachen konkreter Poesie auszukennen scheint, als er das Antwortschreiben an Frau Enzersdorfer las. Das ist der günstigste Kommentar, der einem bei der Lektüre des Schreibens einfallen kann. Frau Enzersdorfer und ihre LeidensgenossInnen jedoch neigen zur Meinung, hier sei ein leidenschaftlicher Zyniker und kein Poet am Werk. Der Brief wurde bei der Generalversammlung des Pächtervereins verlesen und hat nebst ungläubigem Staunen großes Gelächter ausgelöst:

Sehr geehrte Frau ...
In obiger Angelegenheit nehmen wir Bezug auf ihr Schreiben vom 13. 5. 2009. Sie nehmen darin auf unser Schreiben vom 24. 2. 2009 Bezug, welches in Beantwortung Ihres Schreibens vom 15. 1. 2009 erging. Darin erörterten Sie inhaltlich das gegenwärtig bestehende Vertragsverhältnis. In Beantwortung Ihres Schreibens vom 15. 1. 2009 gingen wir mit dem Schreiben vom 24. 2. 2009 auf diese Erörterung inhaltlich ein, wobei sich diese Stellungnahme zweifellos auf die gegenwärtige Vertragssituation bezog. Sie führen nunmehr das Schreiben vom 15. 2. 2004 ins Treffen, womit das Interesse auf Umstieg auf einen anderen Vertrag erhoben werden sollte. Zweifellos beziehen sich allerdings die Ausführungen in unserem Schreiben vom 24. 2. 2009 lediglich auf ihre in Ihrem Schreiben vom 15. 1. 2009 geäußerten Überlegungen zur gegenwärtigen Vertragssituation, nicht aber auf den Umstieg auf einen neuen Vertrag. Wie Sie bereits in Schreiben vom 15. 1. 2009 anführen, verfügen Sie ohnehin über eine entsprechend fachlich fundierte Beratung, sodass sich hier weitere Ausführungen erübrigen. Mit freundlichen Grüßen Dr. Andreas Leiss.

„Warum nicht eine Religion gründen, in der das Gelächter die Regel ist?“, fragt Adolf Holl in seinem neuesten Buch. Mit Menschen wie Andreas Leiss würde er wohl keine Religion gründen, auch wenn dieser nur noch surrealistische Briefe schriebe. Dafür wird Leiss in Zukunft genügend Anlässe haben, denn der Pächterverein verspricht eine demokratische Eskalation des zivilen Widerstands. So ist ein Musterprozess gegen das Stift geplant, finanziert aus dem Budget der (von einem ÖVP-Bürgermeister geführten) Gemeindevertretung, die unisono den Pächterwiderstand unterstützt. Ein runder Tisch, an dem der Pächterverein und das Stift auf Augenhöhe verhandeln, wird verlangt. „Bisher haben sich die Augustiner-Chorherren geweigert, mit uns zu reden. Was aber heißt Redeverweigerung? Wer das Reden verweigert, ist zum Krieg bereit“, so zornig kann der Obmann gelegentlich werden.

Schließlich ist eine Vernetzung mit Pächtern, Pächtervereinen und Bürgerinitiativen aus Wien, Korneuburg und Klosterneuburg geplant. Der Augustin wird darüber berichten. Das ist er seinen Namensvettern, den Augustiner Chorherren, schuldig.